Letzte Aktualisierung am
2010-06-22
Wolfgang Wawrzyniak, Bad Homburg v.d.H.
Vortrag in Bad Soden - Altenhain 08.08.2008
Diesmal habe ich mir die nicht immer einfach zu lesenden Gemeinderechnungen aus der Zeit von 1702 bis 1721 vorgenommen.
Manche Gemeinderechner haben eine gestochen scharfe, schöne Schrift, andere eine ziemliche Saupfote.
Alte Rechnungen, das sind keine trockenen Zahlenwerke! Wenn man hinter die Dinge schaut, blättert sich die bunte Vielfalt des Lebens in Altenhain vor 300 Jahren auf.
Erlauben wir uns einen Blick hinter die Kulissen.
Auffällig sind ständige Ausgaben für militärische Zwecke.
Kein Wunder auch:
Zwischen 1667 und 1815 war unsere kleine Gemeinde direkt oder indirekt an 16 Kriegen beteiligt.
16 Kriege in 145 Jahren!
Nicht 30 Jahre am Stück, aber der spanische Erbfolgekrieg, in den wir hineingerissen waren, dauerte von 1701 bis 1714.
Oder der große Nordische Krieg währte von 1700 bis 1721.
Man muss sich gar nicht in Details verlieren, die vergisst man sowieso ganz schnell wieder,
die Geschichte der Kriege ist immer gleich:
es geht um Rache, um Ehre, um die alleinseligmachende Religion, es geht um Macht und Reichtum und im Zusammenhang damit auch Bodenschätze, heute vor allem um Öl.
In allen Gemeinderechnungen, die ich ab 1702 eingesehen habe, schlagen die Militärausgaben besonders heftig zu Buche:
Montierungskosten für die Truppenausstattung 49 Floren
Floren (lat. Florenus, ital. Fiorino, franz. Florin), eine im 11. Jahrhundert in Florenz geprägte Münze von feinem Gold, ein Quentchen schwer und von der Größe eines Dukatens, mit dem Bild Johannes des Täufers auf dem Revers.

Florin aus dem Jahr 1347
Dergleichen Münzen wurden bald auch in andern Ländern geschlagen, so die Florins de Florence unter Ludwig VI.
Monturgeld für Uniform, Stiefel und Flinten 69 Floren
Landmilizkosten 51 Floren
(lateinisch natürlich von militia und bedeutet Militärdienst im Volksheer. Angehörige der Milizen waren Wehrpflichtige im Gegensatz zu den Berufssoldaten)
Montur für Ausschesser 13 Floren
(Ausschesser waren sog. Halbsoldaten der Landmiliz, also so was wie eine bewaffnete und uniformierte Bürgerwehr)
Und dann heißt es:
„Für Abkaufung der Milizen“ 51 Floren
(Abkaufung ist gleichbedeutend mit Auslösung, Ablösung)
Weshalb wollten die Altenhainer zwischen 1704 und 1709 keine Männer für den Militärdienst abstellen?
Nun, ganz einfach, Altenhain baut eine Kirche!
1702 hat man sie geplant.
In der Gemeinderechnung steht, „Bürgermeister und Kirchenbaumeister haben ein Glas Wein verdruncken und über die Kirch nachgedenket“,
20 Kreuzer auf Gemeindekosten sind eingetragen,
Von 1704 bis 1710 werden alle wehrfähigen Männer beim Kirchenbau gebraucht.
1709 ist die Kirche fast fertig, es fehlt nur noch der Altar, die Gemeinde muss Schulden machen, man leiht sich 170 Gulden bei Salmon Kling, einem reichen Juden in Königstein.
Der hat schon öfter geholfen, vielleicht hat der Ambschel Judt aus Altenhain vermittelt!?
Vermutlich am 8. September 1710, dem Sonntag nach Maria Geburt, wird die Kirche geweiht.
Der Kurfürst kommt höchstpersönlich aus Mainz und auch die Pferde seiner kürfürstlichen Gnaden verzehren nach der Gemeinderechnung von 1710 sicher leckeren Haber (Hafer) aus Altenhain.
1 Gulden 6 Kreuzer kostet der Spaß.
Zurück zum Krieg!
Seit 1701 tobt der spanische Erbfolgekrieg.
Ansprüche auf das Erbe erheben Ludwig XIV. , unser französisches Sonnenscheinchen für das Haus Bourbon und Kaiser Leopold I. für das Haus Habsburg.
Bourbon ist der Name eines alten französischen Geschlechts, das sich nach dem Schloss Bourbon
Die Dynastie teilt sich im Laufe der Jahrhunderte in mehrere Unterlinien auf, die in einigen europäischen Staaten regierten (Frankreich

Wappen der Bourbonen als Könige von Frankreich und Navarra (1589-1830)
Die französischen Könige aus dem Haus Bourbon sind:
1. Heinrich IV.
2. Ludwig XIII.
3. Ludwig XIV.
4. Ludwig XV.
5. Ludwig XVI.
6. Ludwig XVIII.
7. Karl X.
· Louis-Philippe I
Die Habsburger sind ein europäisches Adelsgeschlecht
Nach dem Tod des letzten männlichen Habsburgers, Kaiser Karls VI.

Das Kleine Wappen
Der spanische Erbfolgekrieg ist ein europäischer Krieg und es ging um das Erbe des kinderlosen letzten spanischen Habsburgers König Karl VI.
In groben Zügen können Sie oben etwas über diese beiden großen Adelsgeschlechter nachlesen.
Der europäische Adel war so engmaschig verbunden, dass man immer irgendwie zu einer Kriegspartei gehörte.
Jedenfalls war Altenhain 1702 schon mittendrin im Kriegsgetümmel und sollte abgefackelt werden, niedergebrannt.
Lichterloh hätten die 40 Fachwerkhäuser des Dörfchens gebrannt mit den Reetdächern.
Die Altenhainer wurden vor die Wahl gestellt:
Brand oder Brandschatzung?
Niederbrennen und Plünderung oder Geld!?
69 Gulden Brandschatzung waren sich die Altenhainer wert!
Brandschatzung ist die Zwangserhebung von Geldbeträgen (das ist der > Schatz) unter Androhung des Niederbrennens und der Plünderung.
Und jetzt wird es sprachlich interessant:
zuständig war der Brandmeister, ein Offizier im Regimentsstab der Landknechtsheere.
Er zog im Feindesland mit besonders rüden Gesellen, den Brandknechten los, „verhandelte“ und drohte und trieb die Brandschatzung ein oder zündete an.
Unter diesem Aspekt sollten die heutigen Brandmeister noch einmal über ihren Titel nachdenken.

1705 entsteht für das Cellische Rote Regiment in Altenhain ein Pferdelazarett. Das Regiment war so nach seinen roten Helmbüscheln benannt.
105 Gulden kostet das Lazarett die Altenhainer.
1715 tauchen in der Gemeinderechnung Ausgaben für die Keisserliegenfelcker auf.
Es sind nur 15 Floren und 70 Kreuzer, aber das Wort hat mir lange Kopfzerbrechen bereitet.
Man muss viel Fantasie aufwenden, um dahinter zu kommen, dass mit Kaisserliegenfelcker kaiserliches Fußvolk gemeint ist, kaiserliche Infanterie, Fußtruppen. Da muss man ja erst mal dahinterkommen!
Eine andere Ausgabe in der Rechnung von 1715:
„Brot und Bier für etliche kurfürstliche Meentzer Soldates, die über Nacht in Altenhain gelagert.“ 40 Kreuzer
Es gibt erfreulicherweise natürlich auch jede Menge zivile Ausgaben, das Leben geht trotz Krieg weiter.
Die Kellerei in Neuenhain hat einen sogenannten Exequierer
beschäftigt, die Kosten werden auf die Gemeinden der Vogtei umgelegt.
Der Exequierer ist ein Schulden und Steuereintreiber, eine unangenehme Figur, die auch unbefohlen ohne Auftrag bei den Schuldnern vorbeischaut und deren Schuld freundlichst in Erinnerung bringt.
Sie fordern gern mehr, als dem Gläubiger zusteht und wirtschaften in die eigene Tasche, es sind skrupellose Betrüger, aber unter dem Strich erfolgreich.
Ein Spruch aus der Zeit der Exequierer ging so:
Behüt uns Gott vor teurer Zeit,
vor Maurer und Zimmerleit,
vor Schinder und Exequierer,
vor Doktor und Barbierer.
Da haben wir alle Spitzbuben in einem Vierzeiler.
Interessant folgende Ausgabe:
„Item zahlt ich, so ist verzehrt worden als wiehr mit den Neuwen heimer den Exzess gehabt wegen der Schwein“
1 Floren 8 Kreuzer
Was war passiert?
Die Altenhainer haben Weiderechte der Neuenhainer verletzt, ihre Schweine auf Neuenhainer Grund fressen lassen.
Eine lässliche Sünde, da waren die Neuenhainer großzügig, aber die Altenhainer mussten einen ausgeben.
1 Floren 8 Kreuzer
In den Gemeinderechnungen finden sich nur wenige Beanstandungen der Rechnungsprüfer, der Gemeinderechner hat zuverlässig und gewissenhaft gewirtschaftet. Nur 1702 ist ein Randvermerk angebracht:
„Dieses Papier ist aber sehr teuer“ heißt es da.
In allen Rechnungen ist zu lesen:
„Item zahlt ich als den Kiehen die hörner abgeschieden worden seindt“ 20 Kreuzer
Über Jahrhunderte wird das gemacht, warum nur!?
Unfallsicherheit, Tradition, Kopfläuse!?
Schauen Sie sich diese Bilder an
Die Kuh ohne Horn ist eine Kuh ohne Würde.
Einen Grund, „den Kiehen die hörner abzuschieden“ gibt es, die Sicherheit und Verletzungsgefahr. Ein alter Landwirt lässt uns wissen, dass insbesondere dort, wo Pferd und Kuh oder Ochse gemeinsam angespannt wurden, den Paarhufern die Hörner entfernt wurden, um das Pferd zu schützen. Schon, wenn die Kuh nur lästige Fliegen wegschütteln will, wird's gefährlich. „Gäulsbauern“ hatten nie Kühe mit Hörnern. Auch bei den Rinderherden auf der Weide oder bei den freilaufenden Rindern in Offenställen werden den Leittieren oft die Hörner entfernt bzw. durch entsprechende Tinkturen deren Wachstum verhindert, sagt uns der Fachmann.
Auf der gleichen Seite der Gemeinderechnung von 1715 erscheint das Faselvieh.
„Item zahlt ich vor saltz vor das gemeine Fasel Fieg zu Under halten“ 20 Kreuzer
Ein Absatz weiter steht:
„Item denJenigenso die Mastung in dem Walt besichtigt zahlt“
1 Floren
20 Kreuzer für einen Leckstein und 1 Floren für die Aufsicht bei der Waldmast.
Was ist denn ein Fasel Fieg, ein Faselvieh?
Nun, unter Faseln versteht man die Fortpflanzung des Geschlechts.
Fasel ist ein junges Zuchttier,
es ist die junge Brut von Zuchtvieh aller Art.
Es gibt den Faselochsen, richtigerweise Faselbullen,
es gibt den Faselhengst,
den Faseleber,
den Faselbock,
aber auch den femininen Teil der jungen Brut:
Das Faselschwein, die Faselkuh, die Faselziege.
In einer anderen Rechnung ist vom Reitochs die Rede.
Der Reitochs wurde nicht geritten,
sondern er ritt die willigen Kühe und sorgte für Nachwuchs.
Die Kühe waren bereit, wenn sie „ochsig“ waren.
Der Reitochs oder Faselochs sorgte also für Nachwuchs.
Es gab aber auch noch den Fahrochs.
Das war ein kastriertes Tier und wurde als Zugtier eingesetzt.
Das Faselvieh wurde fast jährlich ausgewechselt, um möglichst gesunden und kräftigen Nachwuchs zu haben.
Betreut wurde der Faselochs vom Kuhhirten, der sich in Tierheilkunde sehr gut auskannte.
Der Kuhhirte kümmerte sich auch um die übrigen Rindviecher des Ortes und die Tierhalter ernährten ihn, sie speisten ihn ab.
Daher kommt die Redewendung „abspeisen“. Jemand mit dem notwendigsten versorgen.
Andere Ausgaben, die ich spontan heraus gefischt habe:
Der Schlosser von Königstein bessert und richtet die Uhr im Rathaus
für 1 Floren 13 Kreuzer.
Der Klöckner erhält 9 Kreuzer „vor baumöl zur Uhr.“
1715 leistet sich Altenhain eine Monstranz für 1 fl. 39 Kreuzer
Den Altenhainern muss ich nicht erklären, was eine Monstranz ist ! ?
Natürlich kommt es aus dem Lateinischen monstrare und bedeutet zeigen
Es ist meist ein kostbares liturgisches Schaugerät mit einem Fensterbereich, in dem eine konsekrierte (geweihte) Hostie zur Verehrung und Anbetung ausgesetzt wird.
Monstranzen sind seit dem 13. Jahrhundert üblich.
Was mich interessieren würde, gibt es diese Monstranz noch?
Bislang war nur von den Ausgaben die Rede, woher kamen denn die à Einnahmen?
Die Einnahmen setzen sich zusammen aus
- ständigen Zinsen und Abgaben
- aus Pacht und Hausmieten
- aus dem Kirchweihgeld (eine Art Vergnügungssteuer)
- aus Abgaben von „ausländischen“, also Nichtgemeindemitgliedern. In einer Schatzung wurden diese Ausgaben festgelegt.
- Aus dem Waidhammelgeld (eine Steuer, die im September auf alle kastrierten männlichen Schafe, Hammel nennen die sich, erhoben wurde)
Unter dem Strich kamen da am Ende doch einige hundert Florin oder Goldgulden zusammen und meist wurde ein ausgeglichener Haushalt präsentiert, manchmal sogar ein Haushaltsüberschuß.
Einnahmen und Ausgaben lagen zwischen 1702 und 1721 in Altenhain bei ca. 500 Floren im Durchschnitt.
Um es zu verdeutlichen:
1 Florin oder Gulden bestand aus 30 Albus oder 60 Kreuzern
Eine Gans kostete um 1700 à20 Kreuzer,
ein Pferd à 7 ½ Gulden,
eine Muttersau à9 Gulden,
ein Malter Hafer kostete in Altenhain à 40 Kreuzer
Malter
1,25-2,2 hl
1,5 hl (Baden und Schweiz)
1,28 hl (Hessen)
6,955 hl (Preußen)
12,478 hl (Sachsen
3 Ausgaben wollte ich nicht vergessen haben:
- der Klöckner Johannes Schauer erhält 1715 3 Gulden, weil er brav die Uhr stellt und abends und morgens Ave Maria läutet
- und er bekommt noch mal 6 xer (Kreuzer) „vor seiner Mieh, so er in der Walbersnacht in der Kirch geleuth hat.“
Der 1. Mai soll für die Kelten einer der wichtigsten Tage ihres religiösen Jahres gewesen sein: Sie feierten den Beginn der Sommerzeit, in der die Erde wieder zum Leben erwacht. Auch die Germanen kannten mutmaßlich derartige Frühlingsfeste. Sie feierten es mit Freudenfeuern und befragten die „weisen Frauen“, die „Hagazussen
Mit Beginn der Christianisierung wurde der „heidnische Hokuspokus“ zu Treffen finsterer Mächte umgedeutet und die Hagazussen wurden als Hexen, als weibliche Verkörperung des Bösen, die mit dem Teufel im Bunde waren, diffamiert
Die Bräuche haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Die wenigsten wissen wahrscheinlich noch um den Ursprung der Walpurgisnacht. Übriggeblieben ist teilweise nur noch das als Schabernack gedachte Beschädigen und Entwenden des Eigentums Anderer, um diese zu ärgern. Auf dem Brocken, dem Hexentanzplatz
Viele Walpurgisriten leben in bäuerlichen Maibräuchen
Viele der Bräuche bei Frühlingsfesten ranken sich um junge Paare, die symbolisch für die menschliche Gemeinschaft stehen. Der Gang zwischen zwei Walpurgisfeuern soll reinigen und Seuchen
à und die Feuerläufer kriegen für ihren Einsatz auch 30 xer „so sie auf's Zeilsheim geloffen seindt.“
Das war für die Feuerläufer, gemessen an anderen Einsätzen, noch eine Kurzstrecke, die Altenhainer Feuerläufer mussten schon in Hanau löschen.
Das war mein Ausflug in die dörfliche Vergangenheit um 1700 in Altenhain.